Berühmte Unbekannte (1): Alfred Grenander

Gedenktafel der Hochbahngesellschaft (Detail)

Gedenktafel der Hochbahngesellschaft (Detail)

Denkt man an Architekten in Berlin, fallen schnell die Namen Schinkel, Eosander, Poelzig, Behrens, Messel, Mies van der Rohe, Gropius und Kollhoff. Einen Namen hingegen hört man selten. Dabei hat dieser Architekt in Berlin soviel gebaut, wie die soeben Erwähnten zusammen. Ich behaupte mal, seine Bauwerke werden jeden Tag von einer halben Million Menschen oder mehr aufgesucht. Jeder kennt seine bahnbrechenden Bauten, aber kaum einer den Namen des Erbauers: Alfred Grenander, 1863 in Schweden geboren und 1931 in Berlin gestorben.

Alfred Grenanders meist frequentierte Bauwerke sind die Bahnhöfe der U-Bahnlinien U2 und U8. Dazu gehört auch der Bahnhof Alexanderplatz, wo sich die beiden Linien sowie die U5, die S-Bahn und der Fernverkehr kreuzen. Insgesamt über 70 Bahnhöfe hat Alfred Grenander für die Berliner Hochbahngesellschaft entworfen.

Grenanders Handschrift ist der Moderne und dem Zeitgeist verpflichtet, ohne sich anzubiedern. Sein erster Bahnhof am Wittenbergplatz (1900) ist noch ganz Jugendstil, später war bei ihm die schlichte Funktionalität der Neuen Sachlichkeit angesagt. Markante Beispiele im Stil der Neuen Sachlichkeit sind der monumentale Verwaltungsbau am Ostkreuz (heute: Deutsche Rentenversicherung) und das Bürogebäude für die Berliner Verkehrsbetriebe in der Dircksenstraße (heute: Grenanderhaus). Zu Ehren dieses Vielbauers erhielt der bislang namenlose Platz vor dem U-Bahnhof Krumme Lanke am 6. Juni 2009 den Namen Alfred-Grenander-Platz.

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Wer mit dem Zug aus Vorpommern kommt, der erreicht als erste Berliner Station den Bahnhof Gesundbrunnen. Auch der dortige U-Bahnhof ist von Wallander, äh, Grenander. Dort soll angeblich die längste Rolltreppe aller Berliner Bahnhöfe rollen. Diese Angabe ist allerdings ohne Gewähr.

Fahren wir also mit der Stadtbahn zum Ostkreuz und steigen dort aus. In der nahegelegenen Neuen Bahnhofstraße befindet sich das vormalige Fabrikgebäude der Knorr Bremse AG. Dieser etwas merkwürdig wirkende Bau wurde – wie eine Gedenktafel am Eingang informiert – während des Ersten Weltkrieges nach Plänen von Alfred Grenander erweitert und einheitlich gestaltet. Auf der anderen Seite der Schienen steht ein weiteres Verwaltungsgebäude, ebenfalls von Grenander für die Knorr-Bremsen AG entworfen. Heute sitzt in dem massiven Klinkerbau die Deutsche Rentenversicherung.

Eingang zur Knorr-Bremsenfabrik

Eingang zur Knorr-Bremsenfabrik

Vom wenige Fußmeter entfernten U-Bahnhof Frankfurter Allee geht es mit der U5 zur Endstation Alexanderplatz, wo wir nach Betrachten der grenandierten Bahnhofsarchitektur in die U2 umsteigen, um eine Station weiter, Klosterstraße, erneut auszusteigen. Klosterstraße ist dort, wo diverse historische S+U-Bahnwagen auf riesigen Emailleschildern aus dem VEB Schilderwerk Beutha abgebildet sind. Auch dieser U-Bahnhof wurde von Alf Grenander gestaltet – allerdings ohne die VEB-Schilder, denn die kamen später.

In einem schlecht ausgeleuchteten Winkel dieser Station ist eine Bronzetafel in die Wand eingelassen, die seinerzeit von der Berliner Hochbahngesellschaft in Auftrag gegeben wurde. Sie erinnert an die bereits geleistete Arbeit, nennt als Anlass der Anbringung die Erweiterung der Strecke vom Alexanderplatz bis zum Spittelmarkt und erwähnt Siemens und Deutsche Bank als Anteilseigner der Hochbahngesellschaft. Die Bronzetafel ist von einem Dutzend Reliefköpfen umgeben. Menschen, die vermutlich in irgendeiner Weise an dem Auf- und Ausbau der U-Bahn in Berlin beteiligt waren. Ganz unten rechts entdecken wir das Profil von Alfred Grenander und freuen uns. Nun können wir die Unterwelt getrost verlassen und zurück ins Licht. Es kann passieren, dass dabei eine Braut mit gerafftem Rock an uns vorbei eilt, denn nebenan befindet sich das Standesamt Mitte.

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