Männer die auf Brüste starren oder: Nackt unter Welfen*

Schöne Aussichten!

Schöne Aussichten!

Dresden. Was die Hängenden Gärten einst für Babylon, ist die Brühlsche Terrasse heute für Dresden: Sehenswürdigkeit, Besuchermagnet, erhöhtes Niveau. Ein anderer Name für das architektonische Ensemble aus Ständehaus, Lipsiusbau, Albertinum und Jungfernbastei lautet denn auch stolz ›Balkon Europas‹. Hierher strömen die Touristen, hier flanieren die Dresdner, hier treffen Volk und Bürgerschaft, Kunstkenner und Spießbürger aufeinander. Ich war und wartete vor Ort, um mir die Romantik-Ausstellung ›Die Erschütterung der Sinne‹ (die ich ob ihrer beliebigen Zusammenstellung nicht empfehlen kann) im Albertinum anzuschauen.

Der weibliche Körper ist seit den Anfängen ein besonderes Faszinosum und begehrtester Kunst-, nun ja – Gegenstand. Als älteste Skulptur der Welt gilt mit mindestens 35.000 Jahren die Steinzeit-Venus von der Schwäbischen Alb. Seitdem hat sich in der Kunst nicht wirklich viel getan. Künstler und Kunstgenießer starren immer noch auf die Formen von Mutter Natur. Den Beweis hierfür erfuhr, nein: erlebte ich am Sonnabend Nachmittag inmitten von Menschen, als plötzlich vor mir eine Frau splitterfasernackt die Brühlsche Terrasse entlang spazierte, sichtlich die erstaunten Blicke und gezückten Handykameras genießend (oder gut geschauspielert).

Immer schön nach vorne schauen.

Immer schön nach vorne schauen.


Schnell machte ich, dass ich aus dem Fokus der mitlaufenden Kamera kam, denn der freie Körper-Kult wurde gefilmt. Gleichzeitig war ich hochgradig interessiert an den Reaktionen der Passanten, die nicht ich waren. Einige starrten mit aufgeklappten Augen+Mündern, andere wiederum taten so, als sei nichts, wieder andere holten ihre Handys oder Fotoapparate hervor und machten Bilder. Ich auch, sonst hätte mir das niemand geglaubt. Bemerkenswert war die Reaktion einiger Gymnasiasten, die zum Zwecke eines gemeinsamen schulischen Museumsbesuchs vor dem Albertinum warteten. Ausgerechnet die pubertierten Jungs meinten: »Hallo? Wo gibt’s denn sowas!? Kann mal jemand das Ordnungsamt rufen.« Worauf ein Mädchen entgegnete: »Lass doch! Das ist KUNST.«

Meiner treu - seh ich recht?

Meiner treu – seh ich recht?


Nach einer Runde wurde die schöne Brünette mit einer Plastiktüte in Empfang genommen, aus der sie sich ein kurzes Schwarzes angelte und flink überstreifte. Fertig angezogen! Dann entschwand sie. Tags darauf hatte die Dresdner Morgenpost die Eva von Dresden, wie ich sie hier mangels genauerer Namenskenntnis nennen möchte, auf der Titelseite. Auch die Boulevardzeitung wusste keine Namen oder gar Hintergrundinfos.

Übrigens ist mir das schon einmal passiert, in einer Gerhard-Richter-Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie. Plötzlich war die Frau vor mir nur noch mit Haut bekleidet. Auch diesmal gab es einige Bilder von Gerhard Richter zu sehen. Ich vermute mal, das ganze Geschehen hat mit der Aura dieses Künstlers zu tun. Weiß jemand, wo es weitere Bilder aus Richters Œuvre zu bestaunen gibt?

~
* Klar, die Dynastie der Welfen war in Sachsens Geschichte nie so bedeutend wie das Geschlecht der Wettiner. Doch dann hätte die Überschrift als solche nicht mehr funktioniert.

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