Angabe Mawil: Tischtennis im Kinderland

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Rechtzeitig zum anstehenden 25. Jahrestag des Mauerfalls hat Markus ›Mawil‹ Witzel einen Comicband vorgelegt, der sich aus ungewöhnlicher Perspektive an das letzte Jahr der DDR erinnert: aus Kindersicht. Dabei geht es nicht um Stasi, Diktatur und ausgelutschte Ostklischees, sondern um das Erwachsenwerden zwischen Tischtennis, Pioniernachmittag und katholischem Religionsunterricht. Kinderland ist DAS Comic für die Dritte Generation Ostdeutschland (aber auch alle anderen Comicliebhaber).

Ich warne euch schon mal vor: Es wird so einiges kommen. Wenn im Herbst die Gedenklawine zum Wende-Jubiläum anrollt, wird jede Wahrheit so oft wiederholt werden, bis sie wie eine Lüge klingt und jede Lüge wie die Wahrheit. Am Ende wird jede noch so kleine Unebenheit nivelliert sein. Die westdeutsche Geschichtsindustrie wird den Ostdeutschen wieder ihre eigene Geschichte unter die Nase reiben und nebenher genau das Aufarbeiten (Stichwort Entstasifizierung), was sie bei ihrer eigenen Entnazifizierung verschlafen und verschleppt hat. Der öffentlich-rechtliche Fernsehfunk (ORF) wird all diejenigen, die es nicht rechtzeitig schaffen abzuschalten, mit Endlosschleifen (»Meines Wissens ist das sofort, unverzüglich.«) und ausgelaugten Seifenopern á la Weißensee bestrahlen. Und der SPIEGEL macht ne Titelstory nach dem Motto: ›Merkel und Gauck – Wie ostdeutsch ist das vereinigte Deutschland?‹ Der Sieger schreibt nun mal die Geschichte. Aber die besten Geschichten handeln von Losern.

Der Ostberliner Markus Witzel alias Mawil (*1986) beschenkt uns in diesem politisch aufgeladenen Jubiläumsjahr mit einem herrlich unpolitischen Blick auf das Wendejahr 1989. Gerade ist sein 300 Seiten starker Ziegelstein Kinderland erschienen, Reprodukt verlangt 29,00 Euro dafür. Das sind zehn Eurocent pro Seite – ein vernünftiger Preis. Also sofort kaufen!

Es sind die kleinen Dinge, die in Kinderland erzählt werden und die ins Auge stechen. Das macht das Buch so authentisch. (Um das zu bekommen, hätte die westdeutsche Gedenkindustrie einen unbezahlten Ossi als Praktikanten engagiert). Gleich im dritten Paneel des Prologs kann man sehen, was Mawils alter Ego Mirco Watzke damals so gelesen hat. Halb verdeckt von einer selbstgebastelten Taschenlampe aus einer Glühlampe und einer Flachbatterie (Klassiker!) liegt DER DDR-Comic: das MOSAIK (auch ein Klassiker). Im Spielzeugregal schlumpft ein Gummischlumpf herum, und an der Kinderzimmertür kleben ein Plakat der Olsenbande und ein ALF-Sticker. Auf den nächsten Seiten schlenkert ein ungarischer Gelenkbus der Marke Ikarus auf abenteuerliche Weise durch Ostberliner Neubaugebiete, und manche Klassenkameraden hatten schöne Mütter. Während unsere Brüder und Schwestern in Westdeutschland oftmals denken, das Leben in der DDR war nur Schwarzweiß und bestand rund um die Uhr aus Zittern vor der Diktatur, sieht man hier, nee, es war bunt, wenn auch manchmal ein wenig blass.

Bevor ich hier in Versuchung gerate und die komplette Handlung nacherzähle, was niemals nie der Inhalt einer Rezension nicht sein sollte, beschränke ich mich auf die Beschreibung einzelner Protagonisten und Details, didi Story so glaubhaft machen. Mirco Watzke geht beispielsweise an die Erweiterte Oberschule (= Gymnasium), kurz: 7. EOS Tamara Bunke, so benannt nach einer Wiederstandkämpferin, die in Argentinien geboren wurde, in Eisenhüttenstadt ihr Abitur ablegte und zusammen mit Che Guevara im bolivianischen Dschungel gefallen ist. (Ich habe vier Bücher über Tania la guerillera gelesen – freiwillig! Wer mehr über Tamara wissen will, kann mich anrufen.)

In Mircos Klasse gibt es eine unauffällige Gruppenratsvorsitzende – heute würde man ›Streberin‹ sagen –, die jedoch durch ihr systemkonformes Denken und Handeln auffällt. Ihr Name, und das ist der Clou: Angela Werkel. Ein anderer Mitschüler heißt übrigens Ronny Knäusel. Während Angela im Gleichklang mit der Pionierleiterin Frau Kranz im System herumwerkelt, führen ihre Mitschüler ein Leben im Schatten der heraufziehenden Pubertät. Mädchen werden interessanter, feste Freundschaften bedeutsamer, ebenso Hierarchien, Revierkämpfe, Sich-Beweisen. Ein Ort, diese Dinge zu verhandeln, ist die allseits bekannte und beliebte Tischtennisplatte. Tischtennis spielt man in der Schule, nach der Schule und auf der Klassenfahrt nach Schneckenmühle.

Der Tischtennissport hat im vorliegenden Comicroman eine zentrale Rolle inne. Vielleicht ist Kinderland sogar eine versteckte Hommage ans Pingpong und die 89er-Story nur ein Deckmantel, damit das Buch im Feuilleton besprochen wird und nicht im Sportteil. Wer weiß. Wenn Literaturwissenschaftler in ferner Zukunft die Rolle des Tischtennis in der Belletristik untersuchen, werden sie jedenfalls schwerlich an Kinderland vorbeikommen. Mawils Meisterwerk enthält das spannendste Tischtennisduell der Weltliteratur, ich schwör (S. 160-196)! Als Mirco und Torsten ihre führenden Gegenspieler mit der frisch ausgetüftelten ›Angabe des Todes‹ unter den Tisch spielen wollen, dehnen sich plötzlich die Sekunden wie in einem Italowestern zu Standbildern. Ick hab mir amüsiert wie Bolle.

(Vor einem Jahr hab ick mal mit Freunden anlässlich eines Geburtstages auf einem Dachboden Tischtennis gespielt. Dabei kam die Idee auf, Redewendungen aus dieser Freizeitbranche zu sammeln. Sowas wie »Falscher Acker«, »Der hat noch geleckt!« oder »Wiederholung!« etc. pp. Irgendwie beschlich mich beim Lesen von Kinderland das Gefühl, Mawil hätte damals die ganze Zeit unter der Tennisplatte gesessen und gelauscht. Ich glaube, das nennt man in der Kunst Epiphanie oder Immersion oder so.)

Schön sind auch die kleinen Dejavu-Bildchen im Szenenbild, Photoshop sei Dank! Ich sag nur: Tafelwerk. Oder: Briefe an Freunde. Oder: Traumzauberbaum. Auch der bebrillte Schratsratssekretär Erich Honecker hängt vor blauem Hintergrund im Klassenzimmer und schaut von der Wand auf die Wende herab. Ein gewisser, vorbeiflanierender Herr (Christian??) Maiwald hat eine Ausgabe der sowjetischen Glasnost-Zeitschrift SPUTNIK unter den Arm geklemmt und sagt betont vieldeutig: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!« Apropos Anspielungen: In der Schuldisko wird komischerweise ständig Depeche Mode angespielt (Piepel a Piepel).

Das Buch ist rundherum gelungen und hat nur einen Makel: Es ist zu kurz. Eine Kleinigkeit noch, die eher den Historiker verstört als den Storyteller. Wenn das Tischtennisduell wirklich am 9. November stattgefunden hätte, wäre der Mauerfall nicht dazwischengekommen, denn die Mauer fiel in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag. Auch hätte ich die Personenübersicht (»Das Periodensystem der Elemente« – Klasse!) nach vorn gepackt statt nach hinten.

Nun bin ich fast fertig. Ich will schnell noch mein Wessi-Bashing aus der Einleitung relativieren. Es gibt bereits ein anderes Comic, was sich auf gelungene Art, wie ich finde, dem Mauerfall widmet. Diesmal von einem westdeutschen Comiczeichner. Das Zeitzeugen-Comic ›Da war mal was‹ des Zeitzeugenzeichners Flix nähert sich dem Thema durch 25 subjektive Kindheitserinnerungen und wird dadurch beinahe schon objektiv. Auch kaufen!

Also seid nicht dumm und lest drin rum!
Das unterschreibe ich mit meinem guten Namen:
Alexander Fromm. Und Amen.

Foto: Repro

PS: Ick weeß, es muss oben ›Panel‹ heißen und nicht ›Paneel‹, aber mein Rechtschreibprogramm kennt weder diesen, richtigen Begriff noch die Worte ›Ossi‹ (Vorschlag: Fossil), ›Pioniernachmittag‹ (Vorschlag: Donnerstagnachmittags) oder gar ›Usedom‹ (Vorschlag: User). Ach Rechtschreibprogramm, was weißt Duden schon von Comics und vom Leben im Osten!

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