Etymologische Karte: Die Macht der wahren Namen

Im Jahr 2010 bin ich auf eine Deutschlandkarte gestoßen, die statt der gebräuchlichen die ›wahren‹ Namen der Städte und Nachbarstaaten aufführte. Welch ein Schatz für Kulturwissenschaftler und Geschichtenerzähler! Nun hat mir das Schicksal in Form einer Kiste mit dem Vermerk ›Zu Verschenken‹ auch noch die passende Europa- bzw. Weltkarte zukommen lassen. Herzlichsten Dank an den unbekannten Spender.

„Mad in Madrid, Gaga in Málaga.“
(Morrissey: The Bullfighter Dies)

Etymologie ist dem Namen nach ›die Lehre von der wahren Bedeutung der Wörter‹. Sie befasst sich also mit der Herkunft und der Geschichte von Namen, denn im Grunde sind alle Wörter Namen. Namen für Tätigkeiten, für Menschen, für Orte. Und um Ortsnamen soll es gehen. Was wäre, wenn statt der üblichen Ortsnamen die ›wahren Übersetzungen‹ im Atlas stünden? Die Leute von Kalimedia haben das ausprobiert. Das Ergebnis sind Karten, die Pflicht in jedem Erdkunde-Unterricht werden müssten, schon um die Liebe zur Geografie zu triggern.

Dabei geht es nicht so sehr um Bezeichnungen wie Schwarzes oder Mittelmeer, bei denen sich nix ändert, oder um ›Grünland‹ für Grönland oder ›Eisland‹ für Island, denn das kann jeder noch selbst herleiten. Nein, es geht um abstrakte Begriffe wie Europa, Asien, Afrika, die durch eine Übersetzung erst verständlich werden. Afrika, die Wiege der Menschheit, bedeutet ›Trockenes Land‹, Europa meint ›Abendland‹ und Asien ist das ›Land der aufgehenden Sonne‹ (ich hätte es komplementär mit ›Morgenland‹ übersetzt, um nicht in Konflikt mit Japan – hier ›Der Ursprung der Sonne‹ – zu geraten). Konzept verstanden? Ortsnamen werden plötzlich Sprechende Namen.

Weitere Beispiele: China wird zum ›Reisland‹, Arabien zum ›Wüstenland‹ und Mali zum ›Land der Flusspferde‹. Aufschlussreich ist das Baltikum: Estland, Lettland und Litauen definieren sich durch ihre Lage an der Ostsee, denn alle drei heißen ›Küstenland‹. In Afrika leiten sich so einige Landesnamen von der Hautfarbe ihrer Bewohner ab: Sudan (›Land der Schwarzen‹), Äthiopien (›Land der Brandgesichter‹) oder Guinea (›Land der Schwarzen‹). Und schon rasselt’s im Rassismusdiskurs und Unterschriftensammler fordern sogleich die Umbenennung ganzer Staaten. Irgendwie wurde es wohl auch den Kartenherstellern zu brenzlig und sie übersetzten Somalia mit dem unsinnigen ›Geh und melke!‹, obwohl auch ›Land der Schwarzen‹ (kushit. somal für ›dunkel, schwarz‹) möglich gewesen wäre. Schön neutral, aber auch selbstbewusst und politisch korrekt hingegen klingt Nicaragua (›Hier sind Menschen‹).

Schnell wird offensichtlich, dass Menschen ihre Städte gern am Wasser errichteten: Berlin (Sumpfstadt), Moskau (›Die Morastige‹), Paris (›Stadt der Bootsleute‹), Rom (›Strömen‹), Lissabon (›Fröhliche Meeresbucht‹), Kopenhagen (›Kaufmannshafen‹) und Nairobi (›Sumpfen‹). Andere Städte bekommen Attribute und klingen dadurch poetisch: ›Die Geschäftige‹ (Damaskus), ›Die Liebliche‹ (Lübeck/Ljubljana), ›Die Fröhliche‹ (Bukarest), ›Die Fruchtbare‹ (Pilsen) oder ›Die Gesunde‹ (Valencia).

Schottland und Katalonien, die gerade ihre Unabhängigkeit und Loslösung vom Zentralstaat vorbereiten, sind zufälligerweise beide ein ›Land der Wanderer‹. Auch Andalusien bedeutet ›Land der Wanderer‹. Ein Omen? Hoffentlich fliegt uns Spanien (›Uferland‹) nicht ebenso auseinander wie der Irak (auch ›Uferland‹).

Nutzen wir doch die etymologische Karte als Orakel! Wo gibt es sonst noch Konflikte? Richtig, in der Ukraine, was ›Grenzland‹ bedeutet. Hier verläuft die Grenze zwischen West und Ost, Union und Imperium, Europa und Russland (Land der Ruderer – die Wikinger hatten einst ihre Hände im Spiel). Die Namen der Region riechen mächtig nach Ärger, denn Krim meint ›Festung‹ und die Hafenstadt Odessa heißt eigentlich ›Die Zürnende‹. Ein Krieg um Charkow in der Ostukraine wäre hochgradig sinnlos, denn die Stadt gehört weder Russland noch der Ukraine. Sie ist und bleibt ›Die Gottgehörige‹, so steht’s geschrieben. Wie wäre es stattdessen mit einer Freundschaftsgeste? Krasnodar bedeutet ›Rotes Geschenk‹ (krasny=rot, dar=Geschenk) und könnte den Ukrainern von den Russen als Schadensersatz für die Krim überlassen werden…

~
Atlas der wahren Namen
Deutschland, Europa, Welt
Kalimedia, 2008
jeweils 6,00 €

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