Take It Acid Comes: LSD unter Nobelpreisträgern


Mit Bob Dylan bekommt nun ein altbekannter Acidhead den Literaturnobelpreis. Allerdings ist der näselnde Barde nicht der erste LSD-Schlucker, der von der schwedischen Akademie mit der höchsten Auszeichnung bedacht wird. Vor ihm erhielten bereits der Brite Francis Crick und der Amerikaner Kary Mullis einen Nobelpreis. Beide Wissenschaftler haben mit LSD experimentiert, in ihrer Freizeit wohlgemerkt.

Bob Dylan begann seine Karriere in den wilden sechziger Jahren. Zu den künstlerischen Einflüssen seiner Anfangstage zählen neben Arthur Rimbaud, Dylan Thomas und Woodie Guthrie auch die Beatniks, die bereits fleißig mit bewusstseinsverändernden Drogen hantierten. Der Beat-Poet Allen Ginsberg gehörte sogar zu Dylans näherem Umfeld. Man kann ihn in dem berühmt gewordenen Musikvideo zu „Subterranean Homesick Blues“ sehen, wo er mit umgehängtem Gebetsschal und Gehstock aussieht wie ein Rabbiner. Und wahrlich, in jenen Tagen war Ginsberg wie ein Wanderprediger ständig auf der Walz, um in Sachen LSD zu missionieren. Alle Musiker, Schriftsteller und Künstler sollten mal probieren – um die Welt zu einem besseren Ort zu machen!

Im August 1964 besuchte „His Bobness“ die Beatles in ihrem New Yorker Hotelzimmer. Der berühmteste Solokünstler seiner Zeit trifft die berühmteste Popgruppe der Welt. Es war ein Treffen, das lange nachwirken sollte, denn der näselnde Folkmusiker machte die zappeligen Pilzköpfe mit der hintergründigen Macht des Marihuana bekannt. Die Fab Four kannten aus ihren Hamburger Tagen bis dato nur die aufmunternde Wirkung der Amphetamine. Doch Bob Dylan blieb den Beatles weiterhin eine Nasenlänge voraus, denn er verfügte bald schon über eine LSD-Erfahrung. In einem Interview mit der Kulturzeitschrift Playboy vom Februar 1966 sagte er:

„I wouldn’t advise anybody to use drugs – certainly not the hard drugs; drugs are medicine (…) LSD is medicine – a different kind of medicine. It makes you aware of the universe, so to speak; you realize how foolish objects are. But LSD is not for groovy people; it’s for mad, hateful people who want revenge. It’s for people who usually have heart attacks. They ought to use it at the Geneva Convention.“

(Ich will niemandem zum Drogenkonsum auffordern – vor allem nicht zu harten Drogen. Drogen sind Medizin. LSD ist Medizin – eine andere Art Medizin halt. Es macht dir sozusagen das Universum bewusst und du merkst, wie dämlich Dinge sind. Aber LSD ist nichts für coole Leute, es ist eher was für hasserfüllte Menschen, die nach Rache dürsten. Es ist etwas für Menschen, die normalerweise Herzattacken bekommen. Es sollte ins Genfer Abkommen aufgenommen werden.)

Wie wir wissen, hatte Bob Dylan im Vorjahr seinen Stil grundlegend geändert und die engen Grenzen der Szene gesprengt. Aus einem typischen Folkbarden, der allein auf der Bühne die akustische Gitarre streichelt und seiner Mundharmonika klassische Blues- und Folkweisen entlockt, wurde ein Rockmusiker mit elektrisch verstärkter Band. Damit verprellte er zwar die dogmatische Fankurve in ihren existenzialistischen Rollkragenpullovern, gewann aber eine neue Zuhörerschaft unter den Hippies dazu.

Kurz nach der Bekanntgabe der Verleihung des Nobelpreises an Dylan setzte das typische Gejammer der Internet-Community ein. Hätte, würde, könnte. Manche meinten, wenn schon ein Musiker den Literaturnobelpreis verdiene, dann doch bitte Leonard Cohen, der ist schließlich ein echter Dichter und Romancier. Heute wissen wir, dass auch Cohen den Preis leider nicht persönlich entgegen genommen hätte. Und auch Cohen war ein großer LSD-Schlucker, wie seine autorisierte Biographie „I’m Your Man“ verrät. Von den Sechzigern bis hinein in die Siebziger konsumierte der zartbesaitete Poet Acid wie Kaugummi, sogar vor und während seiner Auftritte genehmigte er sich ein wenig Bewusstseinswandel.

Wenden wir uns nun zwei aufrechten Wissenschaftlern zu, zwei Biochemikern, die eine offenkundige Affinität zum Acid offenbaren, denn sie bekamen den Nobelpreis für die Erforschung von Deoxyribonucleic Acid, zu deutsch: Desoxyribonukleinsäure, kurz: DNA. Bei allen Lebewesen sind in der DNA die Erbinformationen kodiert, die DNA dient folglich dem Erhalt und der Weitergabe des Lebens.

Der Brite Francis Crick (1916–2004) konnte 1953 als erster die geheimnisvolle molekulare Struktur der DNA auflösen. Crick vermutete, dass die DNS die Form einer doppelten Spirale aufweist, die durch fortlaufende Basenpaare miteinander verzahnt ist. Man kann sagen, die DNS sieht aus wie eine verdrillte Leiter, wobei die Basenpaare den Leitersprossen entsprechen. Für die Entdeckung der Doppelhelix erhielt Francis Crick 1962 den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie (so genau konnte sich die Nobelstiftung nicht entscheiden…). Es heißt, auf die Idee mit der Doppelhelix sei das Forscherhirn unter LSD-Einwirkung gekommen. In niedriger Dosierung hatte Crick es oft als Kreativtrigger für seine Arbeit benutzt.

Kommen wir zu Kary Mullis (*1944), der hier weitaus interessanter ist, weil er sich ausgiebig zum Thema LSD geäußert hat. Mullis entwickelte 1983 die Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Das ist eine Methode, dank der man kurze DNA-Sequenzen im Labor vervielfältigen kann. Dazu wird ein bestimmtes Enzym verwendet, die DNA-Polymerase. Das Enzym spaltet die Doppelhelix an den Basenpaaren auf, es zersägt sozusagen die verdrillte Leiter in der Mitte. An die halbierten Leitersprossen lagern sich nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip die passenden Basen wieder an, und schon hat sich der Erbstrang verdoppelt. Für diese bahnbrechende Entdeckung bekam Kary Mullis 1993 den Nobelpreis für Chemie.

Fünf Jahre später veröffentlichte Kary Mullis seine lesenswerte Autobiographie „Dancing Naked in the Mind Field“. Darin kommt der passionierte Surfer auch auf seine wilden Jahre in den Sechzigern zu sprechen. In Kapitel 17 mit der programmatischen Überschrift „Better Living Through Chemistry“ schildert er mit erbarmungsloser Offenheit seinen ersten LSD-Trip. Der fand 1966 in Kalifornien statt, kurz vor dem LSD-Verbot. Mullis Neugier am LSD war durch die Lektüre der Magazine TIME und LIFE befeuert worden. Darin hieß es, vereinfacht zusammengefasst, Marihuana (verboten!) wäre gefährlich, LSD hingegen (noch legal) könne den dritten Weltkrieg verhindern. So weit, so gut.

Mullis schrieb sich in Berkeley ein und befreundete sich mit Brad, dem einzigen Langhaarigen im Kurs. Und richtig, Brad konnte ihm LSD besorgen. Allerdings war Brad der Meinung, es reiche nicht, wenn man nur 100 Mikrogramm schluckt. Man habe zwar leichte Bewusstseinseintrübungen, bliebe sich aber weiterhin im klaren, dass man unter der Einwirkung einer Droge stehe. Brad reichte seinem ahnungslosen Kommilitonen eine Kapsel mit 1000(!) Mikrogramm. (Albert Hofmann nahm bei seinem ersten Trip 250 Mikrogramm.) Unser zukünftiger Nobelpreisträger schluckt brav herunter und bekommt bald darauf einen kosmischen Lachanfall: „Alles, was ich wusste, beruhte auf falschen Annahmen.“ Auf dem Weg zwischen Tisch und Couch rutscht er in den synaptischen Spalt und fällt aus dem Raum-Zeit-Kontinuum. Erst um fünf Uhr in der Früh landet Kary Mullis wieder in seinem normalen Leben. Der Student ist so begeistert von dieser Erfahrung, dass er mit weiteren Bewusstseinskrachern experimentiert, die er auch noch selbst herstellt – wozu ist er schließlich Chemiker!

Natürlich muss sich jemand, der Nobelpreisträger aufgrund ihres LSD-Konsums zusammenstellt, die Frage gefallen lassen: Warum ditt Janze? Soll hier der Eindruck erweckt werden, dass Drogen gut sind und zum Erfolg führen? Nein, natürlich nicht. Immerhin bekommt der Mensch den Nobelpreis und nicht die Substanz. Allerdings könnte man auch genau so gut sagen, nicht trotz sondern dank der Substanz bekamen diese Menschen den Nobelpreis. Bereits in den fünfziger und sechziger Jahren vermuteten der AMPEX-Ingenieur Myron Stolaroff sowie der Psychologe James Fadiman, dass LSD ein gewisses Kreativpotential freisetzt. Sie machten Versuche mit Freiwilligen wie Studenten, Ingenieuren und Künstlern, und die Ergebnisse waren recht erfolgversprechend. Ein Produkt dieser Sessions ist die Computermaus.

Wie Cannabis ist auch LSD vorrangig aus politischen Gründen verboten und verteufelt. Und wie beim Cannabis ist auch beim LSD das letzte Wort noch nicht gesprochen. Howgh.

NACHTRAG: Der LSD-Erfinder Albert Hofmann gehörte wohl kurze Zeit auch zum engen Kreis potenzieller Nobelpreisträger, vermutlich für Chemie (oder Frieden). Eine Woche vor seinem Tod gewährte er der Bild-Zeitung ein letztes Interview (deshalb war es mir bisher entgangen), worin er sagte: „Als LSD noch als Wunderdroge galt und nicht verboten war, bekam ich Besuch vom Nobelpreis-Komitee. Da LSD in Verruf kam, bekam ich nur die Ehrendoktorwürde von Stockholm.“

~
Was man sonst noch über LSD wissen sollte, steht in diesem Büchlein:
Acid ist fertig! Eine kleine Kulturgeschichte des LSD
Klappenbroschur, 158 Seiten, Preis: 12,99 Euro
Gibt es auf Bestellung in jedem Buchladen.

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