Jaki, ach du Liebezeit: Monotoner trommeln!


Die Kölner Formation CAN gehört zu den international vielbeachteten Krautrockbands. Nun ist ihr Gründungsmitglied, der Trommler Jaki Liebezeit, gestorben. Sein Markenzeichen, ein monotoner Beat, resultierte aus einem LSD-Trip.

Krautrock ist, wenn man eine Platte auflegt und sich nach zehn Minuten fragt, wann denn endlich die Musik anfängt. Es gibt keine Melodie, keine Gitarrensoli, kaum Gesang und keine erkennbare Struktur nach dem gängigen Popschema (Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Solo, Refrain). Stattdessen endloses Gitarrengeschrammel und Gehämmer. Nennen wir es Trommeltrance, Free Beat oder Analogtechno.

Zu den Pionieren dieser teutonischen Indianermusik gehören neben Amon Düül, Xhol Caravan und Kraftwerk auch CAN („Communism Anarchism Nihilism“) aus Köln. Schlagendes Herz der Band war Jaki Liebezeit (*1938 in Dresden). Der ehemalige Jazzdrummer hatte seine Technik mittlerweile soweit reduziert, dass er monoton wie eine Maschine trommeln konnte, minutenlang, Herzrhythmusstörungen ausgeschlossen. Der „Motorik-Beat“ gilt als ein Kennzeichen des Krautrock und wurde auch von dem NEU!-Schlagzeuger Klaus Dinger gepflegt. Die Wikipedia nennt ihn sogar als dessen Erfinder. Jaki Liebezeit hatte da seine eigene Version. Ein langhaariger Hippie habe ihm mal bei einer Free-Jazz-Session im LSD-Rausch das Geheimnis aller Schamanentänze anvertraut: „Hey Mann, du musst monoton spielen! Mo-no-ton!“ Und das tat Liebezeit dann auch. Der Bassist Holger Czukay lobte: „Jaki spielt wie eine Maschine. Nur besser.“ Er muss es wissen, denn zusammen bildete man bei Can die Rhythmusgruppe.

Das Mutterkornderivat LSD leistete bei der Entstehung des Krautrock gleich mehrfach Geburtshilfe. Amons Debüülalbum „Psychedelic Underground“ enthielt beispielsweise Stücke mit verdächtigen Titeln wie „Ein wunderschönes Mädchen träumt von Sandosa“ oder „Der Garten Sandosa“ (man denke dabei an Sandoz); Xhol Caravan tauften ihre Debüt-LP merkwürdigerweise „Electrip“ und die Berliner Band Ash Ra Tempel nahm unter dem Einfluss LSD-versetzter Limonade gleich ein ganzes Album auf und nannte es „Seven Up“. In einem Extra-Kapitel meiner kleinen Kulturgeschichte „Acid ist fertig!“ gibt es noch mehr Details zu den Wechselwirkungen zwischen Krautrock und LSD.

Can hatten sogar Hits. Das psychedelischer Musik gegenüber durchaus aufgeschlossene öffentlich-rechtliche Fernsehen der Bundesbildungsrepublik der siebziger Jahre verwendete zwei ihrer Kompositionen in Kriminalfilmen und machte die Krautrocker somit westdeutschlandweit bekannt. Das Titellied zu dem dreiteiligen Fernsehkrimi „Das Messer“ (1971) kam von Can und hieß lustigerweise „Spoon“; und der Tatort „Tote Taube in der Beethovenstraße“ wurde 1973 mit „Vitamin C“ aus dem Hause Can aufgepeppt.

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Hinweis: Hiermit soll niemand zum LSD-Konsum aufgefordert oder verleitet werden. LSD ist verboten. Auf dem Schwarzmarkt gilt weder ein Reinheitsgebot noch gibt es einen Beipackzettel mit Gegenanzeigen. Mich interessieren hier einfach die Spuren, die die „Wunderdroge“ in der westlichen Kulturgeschichte hinterlassen hat, und die Rolle, die Lysergsäurediethylamid in der aktuellen Hirnforschung wieder spielt.

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2 Gedanken zu “Jaki, ach du Liebezeit: Monotoner trommeln!

  1. Hab ich auch gerade in Feuilleton gelesen. Da musste ich gleich noch mal You Doo Right von der LP Monster Movie hören, wo Mooney kongenial zu Liebezeits Trommeln singt. Da kommt auch ohne LSD Freude auf ;-)

  2. Vielen Dank für den Musiktipp, Vilmoskörte! „You Doo Right“ kannte ich bisher nicht. Das sind ja gleich 20 Minuten Tanz ums Lagerfeuer.

    Ich bin immer noch geflasht von Cans diskoeskem „I Want More“ aus dem Jahr 1976: https://www.youtube.com/watch?v=bZ2v0JBhZ9s.

    Weitere Krautrock-Zubereitungen sind sehr willkommen und werden sogleich gekostet. I want more!

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