Wissenschaftler setzen Freiwillige unter LSD

Nach Jahrzehnten der eher politisch erzwungenen Enthaltsamkeit wagt sich die Wissenschaft wieder ans LSD. Grund hierfür ist das therapeutische Potenzial der Hippiedroge. Die wichtigsten Studien der zurückliegenden zwölf Monate werden hier kurz vorgestellt.

Bisher habe ich mich eher salopp zu den Wechselwirkungen von Acid und Popkultur geäußert, weil mich das eher interessiert. Heute wird es sachlich. Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, ist eine der am besten untersuchten Substanzen, über die wir trotzdem noch immer zu wenig wissen. „6000 Studien zur Wirkung von LSD auf psychische Erkrankungen gab es von den 50er Jahren bis 1970 weltweit – vor allem zum Einsatz bei Angststörungen, Suchterkrankungen und Zwangsstörungen.“ Die bewusstseinsverändernde Wirkung machte die Hippiedroge vor allem für die Psychotherapie interessant, so für die chemisch beschleunigte Psychoanalyse. In der ČSSR wurde LSD sogar bis 1974 zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit hergestellt („Lysergamid“). Der unkontrollierte Konsum durch die Hippies und das anschließende weltweite Verbot durch die „Konvention über psychotrope Substanzen“ der Vereinten Nationen von 1976 setzte der Forschung schließlich ein jähes Ende.

1. Defragmentierung unter LSD: Imperial College London

Im April 2016 – rechtzeitig zum LSD-Geburtstag – veröffentlichten Forscher des Imperial College London eine epochale Studie. Erstmalig wurden die Effekte von LSD auf das Gehirn sichtbar gemacht. Eine Gruppe Freiwilliger bekam hierzu eine moderate Dosis von 75 Mikrogramm LSD; die Vergleichsgruppe speiste man hingegen mit einem Placebo ab. Dann schob man die Probanden in einen Kernspintomographen und fertigte einen Hirnscan (MRT) an. Das Ergebnis zeigt, das bei den „Acidheads“ verschiedene Bereiche des Gehirns, die vorher getrennt agierten, plötzlich miteinander kommunizierten – wie das im Kindesalter der Fall ist. Mit zunehmendem Alter spezialisiert sich das Großhirn und „erstarrt“ in Routinen. Als alter Hase weiß man ja bekanntlich, wie der Hase läuft. Und irgendwann kann man nicht mehr aus seiner Haut, selbst wenn man möchte. LSD jedoch ermöglicht dem Gehirn einen Neustart. Süchtige, Phobiker und Depressive könnten so aus ihren eingefahrenen und zwanghaften Verhaltensmustern ausbrechen und gesunden.

Besonders intensiv leuchtete die Vernetzung im Visuellen Cortex, also dem Bereich der Hirnrinde, in dem die Seheindrücke verarbeitet werden. Das erklärt wohl auch die optischen Effekte und die „Verschmelzung“ des Ichs mit dem Bewusstseinsstrom, die sogenannte Ich-Auflösung.

Meine Anmerkung: Ich stelle mir das vor wie die Defragmentierung einer Computer-Festplatte. Bei älteren Betriebssystemen war man dazu angehalten, hin und wieder die Festplatte zu defragmentieren, um die nach und nach hinzugefügten oder gelöschten Partien aufräumen. Wer Langeweile hatte, konnte dem Rechner bei seiner mehrstündigen Aufräumaktion zusehen und dabei beobachten, wie die verstreuten Datensegmente farblich sortiert nebeneinander angeordnet wurden. Dazu brauchte der Rechner Ruhe. Beim Gehirn auf LSD scheint es ähnlich zu laufen. Der Trip stellt für das Gehirn ein Stresstest dar, der von der Alltagsnormalität abweicht.

2. Semantische Wirkung von LSD: Technische Uni Kaiserslautern

Für die Studie unter der Leitung des vormaligen britischen Drogenbeauftragten David Nutt wurde zehn Probanden eine moderate Dosis LSD oder ein Placebo verabreicht. Im Anschluss daran mussten die Teilnehmer auf Bildern zeigen, was sie sahen. Die „Acidheads“ neigten zu Wortfindungsstörungen, verwendeten aber reaktionsschnell naheliegende Begriffe. Wurde ihnen zum Beispiel ein Auto gezeigt, sagten die Berauschten „Bus“ oder „Zug“ – alles Transportmittel. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass LSD das semantische Netzwerk im Gehirn aktiviert, das ähnliche Begriffe in Wortfamilien organisiert. Die Ergebnisse der Untersuchung könnten dazu beitragen, zu verstehen, wie Sprache und abgespeichertes Wissen im Gehirn verknüpft sind.

Meine Anmerkung: Es scheint, mit der sprachlichen Unschärfe entfernt sich das Bewusstsein auch ein wenig von den Dingen, wie sie bisher gesehen wurden. Das Gehirn erkennt intuitiv semantische Ähnlichkeiten und Verbindungen. Dadurch dürften auch neue Ideen sprießen. Es heißt ja, LSD sei ein „Kreativtrigger“.

3. Wirkungsdauer von LSD: University of North Carolina, USA

Bryan Roth war in seiner Jugend viel auf Konzerten unterwegs. Bei Auftritten der Grateful Dead kam er zwangsläufig auch mit den Deadheads und LSD in Berührung. Der Pharmakologe fragte sich, warum die Wirkung von LSD so lange (8 bis 12 Stunden) anhält, obwohl die Substanz bereits nach kurzer Zeit nicht mehr in Blut und Gehirnflüssigkeit nachweisbar ist.

Nun haben er und sein Kollege Daniel Wacker herausgefunden, dass Serotonin-Rezeptoren die Substanz förmlich umschlingen und nicht wieder loslassen. Serotonin wird auch als „Glückshormon“ bezeichnet und spielt bei der Entstehung von Depressionen eine zentrale Rolle. Da die Serotonin-Rezeptoren für zehn Stunden und mehr mit dem LSD-Molekül schmusen, wird die Aufnahme des Neurotransmitters blockiert und der Rausch kommt zustande. Als nächstes müsste geklärt werden, warum der Rausch überhaupt aufhört und bei wiederholtem „Nachlegen“ die Wirkung der Substanz völlig verschwindet.

4. Bedeutungsgebung unter LSD: Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

In der Schweiz wurde das LSD nicht nur entdeckt, sondern bis in die Gegenwart hinein auch ausgiebig untersucht. 2012 veröffentlichte der Solothurner Psychiater Peter Gasser eine Studie, bei der zwölf Krebspatienten LSD gegen Angststörungen verabreicht wurde. Im September 2015 schickt das Universitätsspital Basel wieder einmal eine Gruppe freiwilliger Studenten ins Anderland. Laut Schweiz am Sonntag wird nirgendwo auf der Welt an so vielen Menschen LSD erprobt wie in diesem Schweizer Universitätskrankenhaus. Das lässt den Gedanken zu, dass LSD nicht so gefährlich sein kann, wie Konservative, Tagespresse und Polizei oft behaupten. Ansonsten wären diese Tests ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Im Januar 2017 machte ein Forscherteam um Katrin Preller und Franz Vollenweider von der Universitätsklinik Zürich die Resultate einer Studie öffentlich, die untersuchte, wie das Gehirn auf LSD Erlebtem Bedeutung zuordnet. Und wieder spielen Serotonin-Rezeptoren eine Rolle, diesmal der sogenannte 5-HT-2A-Rezeptor. LSD stimuliert diesen Rezeptor und verändert so das Bedeutungserleben. Musik, die zuvor als unbedeutend eingestuft wurde, klang unter LSD plötzlich nach etwas. Das Experiment ist vor allem für die Psychotherapie relevant, da Personen mit psychischen Erkrankungen oft unter überhöhten oder übertriebenen Bedeutungszuschreibungen leiden (Phobien, wie die Angst vor Spinnen oder Muslimen, Verfolgungswahn).

Meine Anmerkung: Ich musste bei dieser Studie an Timothy Learys Autobiographie denken. Der LSD-Apostel sprach immer von „Prägung“, dass er sich unter LSD auf neue Einflüsse „prägen“ würde und so weiter („Wir schluckten ein paar Pilze, um eine Kabuki-Aufführung zu prägen…“). Bisher war mir unklar geblieben, was Leary damit meinte, da er seine Formulierung nicht weiter ausführte.

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