AOK-Expressionismus in Berlin-Weißensee

Der Mittelrisalit mit der „gotischen Rakete“ (Anklicken zum Ankieken)

Aktuell befinden wir uns in den Zwanzigerjahren. Wieder einmal. In den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts gab es in Mitteleuropa einen Architekturstil, der den Übergang vom historischen zum Neuen Bauen markiert (und der mich sehr fasziniert): den Expressionismus. Die expressionistische Architektur ist durch einen starken Individualismus, eine vertikale Gliederung und den Hang zum theatralischen Effekt gekennzeichnet. Die Bauten wirken oft wie gotische Raumschiffe einer überreizten Zivilisation. Obwohl vom Wesen her schon sehr modern, erfolgte die Ausführung der meisten Bauten mit herkömmlichen Materialien (Mauerziegel) sowie traditionellen Mitteln (Ornamente, Gesimse, Friese und Kunst am Bau).


Sopraporte befindet sich ein dreieckiges Fenster zum Treppenhaus (Anklicken zum Ankießen)

Ebenfalls vor einhundert Jahren gaben die Allgemeinen Ortskrankenkassen in den Stadtteilen der frisch zusammengelegten Verwaltungsmetropole Groß-Berlin einige Bauten in Auftrag. Beispielsweise entstanden Verwaltungsgebäude der AOK am Köllnischen Park in Mitte, an der Parkaue in Lichtenberg sowie in der Charlottenburger Straße in Weißensee. Das Gebäude in Weißensee verfügte sogar über ein öffentliches Badehaus, das den Mangel an privaten Badezimmern in den Wohnungen der „einfachen Leute“ ausgleichen sollte. Die Hausnummern geben übrigens auch die Jahre der Entstehung wieder: 27 und 28.

Die Fassade des Gebäudes ist dreigliedrig. Über jedem der drei Hausein- bzw. Hausdurchgänge erhebt sich ein in Ziegelstein ausgeführter Risalit, dessen vertikale Wirkung durch Lisenen (sind das überhaupt welche?) verstärkt wurde. Der Mittelrisalit wirkt vor der weißverputzten Hauswand wie eine gotische Rakete – oder wie die Blaupause eines gotischen Wolkenkratzers. Typischer Klinkerexpressionismus! Die beiden äußeren Risalite haben Balkone mit dreieckiger Grundfläche, was den zackigen Eindruck der Fassade noch unterstreicht. Über der Toreinfahrt (rechts) steht „Eingang Badehaus“; der Zugang zum Hof mit dem eigenständigen Gebäude blieb mir allerdings verwehrt. Im Vorderhaus befindet sich heute das Buddhistische Zentrum Weißensee.

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ehemaliges Verwaltungsgebäude der AOK mit Badehaus
heute Buddhistische Zentrum Berlin-Weißensee
www.diamantweg-buddhismus.de/berlin
Architekt: E. H. Schweizer, 1927/1928
Charlottenburger Straße 27/28 in Berlin-Weißensee

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