Klinkerexpress: Mies van der Rohe Haus

Blick von der Straße bei Abendsonne (Anklicken zum Ankieken.)


In Alt-Hohenschönhausen steht ein flaches Backsteingebäude, das von der Straßenseite her an eine Garage oder einen Geräteschuppen erinnert. Der unscheinbare Bungalow ist ein Entwurf des Architekten Mies van der Rohe.

Rein zufällig führte mich mein Weg an diesem Gebäude vorbei, und leider war das Haus Lemke Corona-bedingt geschlossen. Ich hatte mich nun nicht weiter vorbereitet, kann mir aber vorstellen, was in den essentiellen Texten darüber stehen wird: „auf das Wesentliche reduziert“, „schnörkellos und funktional“, „besticht durch eine klare Gliederung“ und „eine Ikone der Moderne“. Das übliche Architekten-Blabla, das sich im Gebrauch von Worthülsen in nichts von politischen Sonntagsreden oder esoterischen Lebenshilfen unterscheidet.

Nüchterne Eingangszone (Anklicken zum Ankieken)

Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) war der letzte Direktor des Bauhauses, bevor die Nationalsozialisten die moderne Institution schlossen. Nur ein paar Kilometer weiter, in Hohenschönhausen, sieht man übrigens, wohin konsequent angewandte Bauhaus-Ideale führen können. Das Landhaus Lemke von 1933 war Mies van der Rohes letzter Bau in Deutschland vor der Emigration in die USA. Bereits im Februar 1933 hatten die Nazis sein expressionistisches Revolutionsdenkmal auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde, ausgeführt in Oldenburger Klinkern, beschädigt.

Doch zurück zum Ziegelbau. Auch wenn das einstöckige Gebäude m.E. kein großer Wurf ist, darf man dem Architekten kein Unrecht tun. Auf der Rückseite offenbart sich nämlich ein für Mies typisches Konzept, die Durchdringung von Innen- und Außenraum. Für damalige Begriffe wohl riesige Fensterflächen, die beinahe die ganze Wand einnehmen, erlauben einen unverstellten Blick auf den Garten – und umgekehrt, vom Garten ins Innere. In hiesigen Breiten dürften die Heizkosten bis zur Erfindung der Isolierglas-Fenster enorm gewesen sein. Dafür heizte die Sonne im Sommer das Haus schön auf. Gewächshausarchitektur. So kenne ich das zumindest vom Haus Schminke in Löbau.

Anklicken zum Ankieken!

Die Idee des „fließenden Raums“ hatte LMvdR bereits mit dem Barcelona-Pavillon auf der Weltausstellung von 1929 einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Mit dem Bau der Villa Tugendhat (1929-30) im tschechischen Brünn konnte er die Idee sogar in die lebendige Praxis umsetzen. Mies wurde schließlich zum Vater der kalifornischen Bungalow-Architektur, denn dort kam das Konzept wunderbar an (vgl. auch Kanzlerbungalow): einstöckige Häuser mit Flachdach, die Küche geht in den Wohnraum über, der wiederum den Garten und/oder den Swimming Pool durchdringt. Die Erkenntnis des Mystikers: Alles ist mit allem verbunden. Brät man in der Küche einen Fisch, hat das ganze Haus etwas davon.

Wohl dem, der sich so ein Haus leisten kann. In der Wikipedia steht: „Das Ehepaar Lemke wohnte nur wenige Jahre in seiner Villa. Im Mai 1945, nach der Einnahme Alt-Hohenschönhausens durch die Rote Armee, wurde die Familie aufgefordert, das Haus schnellstmöglich zu verlassen. Die umliegende Gegend wurde zum Sperrgebiet erklärt und die Villa Lemke als Garage und Abstelllager benutzt. Bis zur politischen Wende wurde das Haus als Wäscherei und Kantine für die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) genutzt. Der Garten wurde teilweise zubetoniert und als Parkplatz genutzt.“

~
Landhaus Lemke alias Mies van der Rohe Haus
Oberseestraße 60 in Alt-Hohenschönhausen, Berlin
Entwurf: Ludwig Mies van der Rohe
Gebrauchsabnahme: März 1933
Homepage: www.miesvanderrohehaus.de

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