Die große Schublade

Meine Inanspruchnahme erweiterte sich und mein Dienstzimmer wurde Gasthaus, Speisewirtschaft, Zigarren= und Bankgeschäft, Buchhandlung, photographische Kunstanstalt, Schalter für Handgepäck, Auskunftei, Beschwerdestelle und beinahe Schneiderwerkstatt.

Da kam ein Pommer zu mir herein und hielt einen großen Vortrag über seine Hose. Der Mann ließ sich nicht unterbrechen. Als er endlich fertig war und ich ihm riet, er solle zum Schneider gehen, da meinte er treuherzig: Nun bin ich hier vorbeigekommen und da hab ich gemeint, das wird er auch verstehn!

Unter den deutschen Stämmen kannte ich mich allmählich aus, und leichter als an der Mundart lernte ich sie an ihrem Wesen unterscheiden:

Der Bayer ist urwüchsig.

Der Oberschlesier ist pfiffig, der Rheinländer zutraulich.

Vom Württemberger hat mir die Schlichtheit gut gefallen. Sein Abschiedsgruß „Gute Zeit!“ sagt mehr als das abgehetzte „Auf Wiedersehen!“

Die von der Wasserkante sind hart und fest.

Bleiben noch die Berliner, und die sind Berliner.

~
Rabbi Martin Salomonski: Ein Jahr an der Somme (1917)

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