Alexander Roda Roda: Die Anstalt (1932)

Man hatte mich eingeladen, die Irrenanstalt in Troppau zu besichtigen. Es ist das eine der größten in der Tschechischen Republik.

Nun, meiner Treu, ich bin nicht hochmütig und am allerwenigsten klebe ich am Zeremoniell – wenn aber der Direktor einer staatlichen Irrenanstalt mich eigens zu sich lädt, feierlich sozusagen: dann, meine ich, sollt er mich nicht in einem dreckigen Hospitalkittel am Tor empfangen. Das ist ein Etikettefehler, der den Blick des Gastes irgendwie trübt – man schließt auf Misswirtschaft, Unsauberkeit des Ganzen.

Er geleitete mich durch alle Abteilungen, erklärte mir seine Methoden, machte mich aufmerksam auf Neuerungen – und ich muss gestehen: ich fand, die Anstalt kann sich sehen lassen.

Im dritten Pavillon näherte sich uns ein älterer, gut angezogener Herr und sah uns ziemlich erstaunt entgegen. Mein Begleiter wisperte mir zu:

„Beachten Sie ihn nicht! Ein Größenwahnsinniger; bildet sich ein, er ist der Direktor. Und nur, um den armen Narren nicht aufzuregen, lasse ich mich von den Ärzten hier seit Jahren als heilbedürftigen Insassen behandeln.“

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