Fiktive Reisen zum Mond (1)


Als Himmelskörper ist uns der Mond am nächsten. Beinahe zum Greifen nah und dennoch unerreichbar fern zieht er seine Bahn. Wie ein großes Nachtlicht steigt er am Horizont auf und beleuchtet unseren Schlaf und scheint in unsere Träume. Seine Sichtbarkeit machte ihn zur idealen Projektionsfläche für Fantasien und Utopien, und seine Nähe zum Ausgangspunkt der Science-Fiction. Hier einige Beispiele.

Lukian — Wahre Geschichten (um 150-200):

Wer sich mit Mondreisen und Utopien beschäftigt, landet früher oder später bei Lukian von Samosata, einem antiken Spaßvogel. Der alte Grieche hat bereits um 180 n.Chr. eine Mondlandung geschildert und gilt vielen darum als Begründer der Science-Fiction. In seinen „Wahren Geschichten“ wird fabuliert, was die Synapsen hergeben, allerdings eher im Fachbereich Fantasy als SF. Die Story: Durch einen Wirbelsturm wird ein Schiff samt fünfzig Mann Besatzung auf den Mond gewirbelt, „eine Art von Erde in der Luft“. Dort herrscht Krieg, der Mondkönig kämpft gegen den Sonnenkönig um die Kolonisierung des Morgensterns. Dazu ist jedes Mittel recht: Geierritter und Krautflügler, Ameisenritter und Hundsköpfige, Hirsenschießer und Knoblauchstreiter, Flohschützen und Windrenner. Auch Mondmenschen gibt es, sie schnäuzen Honig und schwitzen Milch. Leider befinden sich unter ihnen keine Frauen, die Kinder wachsen in den Waden der Männer heran. Dafür existieren Baummenschen, Dendriten genannt, die auf folgende Weise entstehen: „Man schneidet einem Manne den rechten (wichtig!) Hoden ab, und pflanzt ihn in die Erde: aus diesem wächst nun ein ungeheurer, fleischerner Baum, in Gestalt eines Phallus, mit Zweigen und Blättern. Die Frucht, die er trägt, ist eine Art ellenlanger Eicheln, aus welchen, wenn man sie reif werden lässt und sodann auseinander schlägt, die Menschen genommen werden.“ Nach der Rückkehr zur Erde wird die Schiffsbesatzung von einem monströsen Wal verschlungen, und der nächste Abschnitt der „Wahren Geschichten“ beginnt.

Transportmittel: Wirbelsturm
Mondzivilisation: Mondmenschen

Chang‘é — Die Frau im Mond und der Jadehase

Dieser Mythos aus der chinesischen Antike führt uns direkt ins Reich der Mitte. Das himmlische Paar Chang’é (Frau) und Houyi (Mann) wird vom Kaiser auf die Erde verbannt und dadurch sterblich. Chang’é ist zu Tode betrübt und Houyi macht sich auf den Weg, die Unsterblichkeit zurückzuerlangen. Auf seiner Reise begegnet er der Königinmutter des Westens. Sie gibt ihm eine Medizin mit der Maßgabe: Jeder die Hälfte! Houyi will seine Frau überraschen und verschließt die Medizin in einem Kästchen, mit der Warnung: Hände weg! Jedoch siegt die Neugier, Chang’é öffnet das Kästchen, wird erwischt und schluckt vor Schreck eine Überdosis. Sie allein wird unsterblich, steigt zum Himmel hinauf und landet auf dem Mond, wo sie sich mit dem Jadehasen zusammentut; der Mondhase (ein Fruchtbarkeitssymbol) sorgt für die Mondphasen. Heute heißt das ambitionierte Mondfahrtprogramm Chinas „Chang’é“.

Ludovico Ariost — Orlando furioso oder: Der rasende Roland (1516)

„Die Hauptfigur Orlando wird als Neffe Karls des Großen ausgegeben. Als die ebenso schöne wie zauberkräftige Angelika, eine chinesische Prinzessin, an den Hof Kaiser Karls kommt, verlieben sich die meisten Ritter auf der Stelle in sie. Roland verliert wegen seiner Liebe sogar den Verstand. Prinz Astolfo unternimmt auf seinem Hippogryphen (Greifpferd) eine Reise zum Mond, wo sich alle Gegenstände befinden, die auf der Erde verlorengegangen sind. Dort findet er Rolands Verstand in einer Flasche und bringt ihn zu seinem Besitzer zurück.“

Transportmittel: Hippogryphe (Greifpferde à la Pegasus)

Gottfried August Bürger — Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche und im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte (1786)

Gerade noch hatte sich Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen können, da wird er auch schon im Rahmen der Türkenkriege gefangengenommen und versklavt. Fortan muss er die Bienen des Sultans hüten und auf die Weide führen. Als zwei hungrige Bären eine Honigbiene anfallen, schleudert der Lügenbaron seine silberne Axt so heftig nach den beiden Petzen, dass diese auf dem Mond landet. Mittels einer schnellwachsenden Bohnenranke steigt er himmelwärts, um die Axt zu holen („ein ziemlich mühseliges Stückchen Arbeit“). Die Ranke verdorrt währenddessen im Sonnenlicht und Münchhausen muss sich mit einem selbstgeknüpften Strohseil zur Erde herablassen. Der Freiherr verrät leider nicht, wie lange er für die Entfernung Erde—Mond (immerhin 384 400 km) und wieder zurück gebraucht hat, die Episode kommt mit nur einer Buchseite aus.

Eine Mondkarte des Astronomen Johannes Hevelius von 1645. (Wikipedia Commons)

Friederike Helene Unger — Der Mondkaiser. Posse in drei Aufzügen (1790)

Klappentext (Wehrhahn Verlag): „Ein Jahr nach der Französischen Revolution: Ein Physiker und sein Diener Peter landen mit ihrem Heißluftballon auf dem Mond. Dessen Bewohner erheben Peter per Losentscheid zum Kaiser. Doch bald entpuppt sich der unerwartete Ruhm als Falle. Sprachwitz und Situationskomik zünden über dem Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion und zahlreichen Anspielungen auf zeitgenössische Moden wie ein komisches Feuerwerk.“

Transportmittel: Heißluftballon

…wird fortgesetzt

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