Barocke Reisen zum Mond (2)

Seht ihr den Mond dort stehen? – Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn. Es folgen einige barocke Beispiele für literarische Reisen zum Mond.

Johannes Kepler — Somnium oder: Der Traum vom Mond (1609)

Den Kepler-Johannes kennt man dank seiner keplerschen Gesetze. Der Mathematiker und Astronom hat als erster nachgewiesen, dass die Planeten auf elliptischen Bahnen um die Sonne kreisen. Auch Kepler hat seinen Lukian gelesen und dadurch erkannt, dass er seine kosmischen Theorien im Rahmen einer komischen Geschichte anschaulicher unters Volk bringen könne. In der Kurzgeschichte „Somnium“ führt er den irdischen Leser, in dessen Alltagserfahrung sich Mond und Sonne eindeutig um die Erde drehen, auf den Mond, wo sich die Sache ganz anders gestaltet. Kepler ging es nicht um Unterhaltung, sondern um einen Perspektivwechsel. Seine Mondgeschichte formulierte er als Traumerzählung, schon um der Frage nach einem geeigneten Transportmittel aus dem Weg zu gehen. Bei ihm übernehmen Dämonen die Aufgabe von Raketen, als lichtscheues Gesindel können sie aber nur bei einer Mondfinsternis aktiv werden:

„Scharweise stürzen wir uns auf den Auserwählten, unterstützen ihn alle und heben ihn schnell empor. Diese Anfangsbewegung ist für ihn die schlimmste, denn er wird gerade so emporgeschleudert, als wenn er durch die Kraft des Pulvers gesprengt über Berge und Meere dahin flöge. Deshalb muss er zuvor durch Opiate betäubt und seine Glieder sorgfältig verwahrt werden, damit sie ihm nicht vom Leibe gerissen, sondern vielmehr die Gewalt des Rückschlages in den einzelnen Körperteilen verteilt bleibt.“

Gegen einsetzende Atemnot hilft ein vor Nase und Mund gehaltener feuchter Schwamm. Auf dem Mond gibt es auch Leben. Die Mondmenschen nennen die Erde „Volva“ (lateinisch: umwälzen), denn im Gegensatz zum Trabanten rotiert der blaue Planet um sich selbst und präsentiert sich fortlaufend von einer anderen Seite. Der Mond hingegen zeigt der Erde stets die kalte Schulter. Kepler unterteilt die lunare Zivilisation in zwei Gruppen: die Subvolen leben auf der erdzugewandten Seite, die Privolen auf der Rückseite (lateinisches Wortspiel aus privare, berauben). Dann wird es komplizierter, denn Kepler wird immer mehr Erklärer und immer weniger Erzähler. Er erklärt, wie lange ein Mondtag dauert, wie sich die Jahreszeiten gestalten usw. Kurz vor seinem Tod schrieb er an seinen Verleger (1629): „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein…“ Übrigens, eine Rückkehr zur Erde mithilfe besagter Dämonen ist nur möglich, wenn gerade eine Sonnenfinsternis ansteht. Durch diese posthum veröffentlichte Geschichte gilt Kepler als ein Begründer der Science-Fiction.

Hinflug: Dämonen bei Mondfinsternis
Rückflug: Dämonen bei Sonnenfinsternis
Mondzivilisation: diverse Mondmenschen

Frontispiz Der fliegende Wandersmann

Frontispiz: Der fliegende Wandersmann nach dem Monde (1659 und 1660)

Francis Godwin — The Man in the Moone (1629):

Der Sohn eines anglikanischen Bischofs wurde selbst Bischof, schrieb aber nebenher diese kuriose Geschichte. Das „Ebentheur“ heißt auf Deutsch „Der fliegende Wandersmann nach dem Monde“ und beginnt als Robinsonade. Der Spanier Domingo Gonsales wird auf einer einsamen Insel ausgesetzt, wo er wilde Schwäne dazu abrichtet, zuerst seine Inselpost, dann leichte Lasten, dann ein Lamm und schließlich ihn selbst durch die Luft zu befördern. (Da hat jemand den mittelalterlichen Alexanderroman gelesen.) Er ahnt aber nicht, dass seine Schwäne Zugvögel sind und bald ihrem Winterquartier – dem Mond – zusteuern:

„Es war eben um diese Zeit, da diese Vögel gewohnt waren auszufliegen, gleich wie die reisenden Leut zur besten Zeit des Jahres und wie die Kuckuck und Schwalben in Spanien es pflegen zu machen gegen den Herbst.“

Die Schwäne gehen mit ihm steil nach oben. Der Mond wird größer, die Erde kleiner, Afrika scheint ihm wie eine angebissene Birne. Nach Verlassen der Erde wird die Luft sehr rein und Domingo fühlt sich an Leib und Gemüt frisch und gesund.

„Nach Verfliessung 11. Tagen / da ich noch immer im fliegen war / merckte ich / daß ich zu einem andern Land kam / so man es so nennen mag / welches bißhero unbekandt gewesen / und ist selbiges das rechte Gestirn des Mondes.“

Nach einem zwölftägigen Flug, es ist Dienstag, der 11. September 1599, landet unser Spanier endlich auf dem Mond. Die Bäume sind hier dreimal so hoch, die Mondmenschen doppelt so groß und in unbeschreibliche Farben gekleidet. Es wird noch mancherlei berichtet, was sich an Merkwürdigem zugetragen, und am Ende bringen ihn seine Vögel wieder zur Erde zurück, nur landet man in China, unweit von Pequin.

Transportmittel: Zugvögel
Hinflug Start: St. Helena
Rückflug Landung: China
Mondzivilisation: Mondmenschen


John Wilkins — The Discovery of a World in the Moone, or, a discourse tending to prove that ’tis probable there may be another habitable world in that planet (1638)

Der Theologe John Wilkins war Schwager von Oliver Cromwell und erster Sekretär der Royal Society. Er behauptete, der Mond sei von Seleniten bewohnt.

Transportmittel: Raumschiff
Mondzivilisation: Seleniten

Cyrano de Bergerac — L’Autre Monde

Cyrano de Bergeracs Reise zum Mond (links) und zur Sonne (rechts)

Cyrano de Bergerac — L’Autre Monde (1657)

Guten Tag, Herr Nasenmann! Wer hätte das gedacht, Gérard Depardieu alias Cyrano de Bergerac gab es wirklich! Der Chevalier mit dem großen Riechkolben dichtete aber keine romantischen Stellvertreterverse, sondern war Autor zweier Romane über Reisen zum Mond und zur Sonne. Die Supernase gilt darum manchem als Begründer der Science-Fiction (nicht der NASA).

Als Cyrano 1619 in Paris geboren wurde, hatte der Dreißigjährige Krieg gerade begonnen. Als dieser endete, begann er mit der Niederschrift seiner „Histoire comique des États et Empires de la Lune“ (Komische Geschichte der Staaten und Reiche des Mondes). In der Satire bewerkstelligt Cyrano seine Mondfahrt mit in Flaschen abgefüllten Tautropfen. Er hatte beobachtet, wie die Sonnenstrahlen den Morgentau aufsaugen und in die Luft entschwinden lassen (Morgentauplan). Auf dem Mond angekommen, landet er im Paradies und erfährt sogleich, dass man die Frucht vom Baum der Erkenntnis vor dem Verzehr unbedingt schälen müsse, denn „die Frucht ist von einer Schale bedeckt, die Unwissenheit in jedem erzeugt, der davon genossen hat. Als Gott einst Adam aus dem glücklichen Lande verjagte, rieb er ihm aus Furcht, jener könne den Weg zurückfinden, das Zahnfleisch mit der Schale ein.“

Neben der Bibel gibt es weitere intertextuelle Anspielungen. Cyrano hatte offensichtlich auch Francis Godwins kurz zuvor erschienenen Roman „The Man in the Moone“ (1629) gelesen, denn sein Reisender trifft auf dessen Protagonisten: „Der kleine Mann erzählte mir, er sei Europäer; er habe einen Weg gefunden, sich von Vögeln bis zur Mondkugel tragen zu lassen.“ Insgesamt parodiert die Handlung vorrangig religiöse und philosophische Fragestellungen und entspricht so gar nicht modernen Lesegewohnheiten. Science-Fiction ist das jedenfalls nicht.


Daniel Defoe — The Consolidator or: Memoirs of Sundry Transactions from the World in the Moon (1705)

Klappentext: „An der Epochenschwelle vom 17. zum 18. Jahrhundert, als das Empire auf dem Weg zur Weltmacht war, schrieb Daniel Defoe seinen Mondroman und erfüllte sich den Wunsch, endlich die lunare Welt zu bereisen und das außergewöhnliche Wissen der Mondbewohner zu erkunden.

Relaisstation für den Mondflug ist China. Die Mondzivilisation teilt ihre Technologie mit der ältesten Kultur auf der Erde. »Consolidator« heißt die Raumfähre, Defoe wird bequemerweise in Schlaf versetzt, am Ziel wacht er wieder auf. Die Erkundungen der lunaren Welt und das Kennenlernen der hochentwickelten Mondbewohner führt uns spektakuläre und amüsante Erfindungen vor, aber neben solcher Science-Fiction vor allem auch den großen Satiriker Defoe: er beobachtet anspielungsreich die Erdendinge aus der Ferne mit besonderer Schärfe und hält der realen Welt vom Mond aus einen Spiegel vor.“

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