Romantische Reisen zum Mond (3)


Als Himmelskörper ist uns der Mond am nächsten. Beinahe zum Greifen nah und dennoch unerreichbar fern zieht er seine Bahn. Wie ein großes Nachtlicht steigt er am Horizont auf und beleuchtet unseren Schlaf und scheint in unsere Träume. Seine Sichtbarkeit machte ihn zur idealen Projektionsfläche für Fantasien und Utopien, seine Nähe zum Ausgangspunkt der Science-Fiction. Hier einige Beispiele.

Washington Irving — A History of New York: The Men From The Moon (1808):

Mit romantischen Kurzgeschichten wie „Rip Van Winkle“ und „Sleepy Hollow“ wurde Washington Irving zum „Vater“ der amerikanischen Literatur. Unter dem pseudo-niederländischen Pseudonym Diedrich Knickerbocker schrieb der junge Washington eine recht eigenwillige Geschichte der Stadt New Angoulême alias New Amsterdam aka New York. Die Besitznahme Amerikas durch die Europäer und das damit begangene Unrecht an den Ureinwohnern veranschaulicht er mittels eines Perspektivwechsels, der den Leser die Position des Eroberten annehmen lässt. Angenommen, auf dem Mond existiert eine utopische Hochkultur. Die „Lunatics“ sind erbsengrün (Stichwort: Grüne Männchen), einäugig und laut Konfession mondsüchtig, außerdem tragen sie den Kopf unter dem Arm und praktizieren „Vielweiberei“.

„Sie sitzen auf Hippogryphen, sind mit undurchdringlichen Rüstungen bekleidet und mit gebändigten Sonnenstrahlen bewaffnet und haben überdies ungeheure Maschinen bei sich, aus denen sie gewaltige Mondsteine abschießen. Kurzum, sie sind uns ebenso überlegen wie wir damals den Indianern bei der Entdeckung Amerikas.“

Diese überlegene Zivilisation landet nun auf der Erde und findet lediglich eine primitive Kultur mit primitiven Wesen vor. Die „Lunatics“ nehmen den Planeten in Besitz und den US-Präsidenten, den König von England, den Kaiser von Haiti sowie Napoleon Bonaparte als Geiseln an den Hof vom Mann im Mond. Der alte Glauben ist ab sofort verboten, und die Erdlinge werden in Reservate – die Wüsten Arabiens oder die eisigen Regionen Lapplands – verfrachtet. Klingt gar nicht so weit hergeholt. Im englischen Original äußert Diedrich Knickerbocker dann noch einen kolonialen Gedanken, der in meiner deutschen Übersetzung herausgekürzt worden ist: „… have I lain awake whole nights debating in my mind, wether it were most probable we should first discover and civilize the moon, or the moon discover and civilze our globe.“

Mondzivilisation: grüne Mondmenschen
Transportmittel: Hippogryphe (Greifpferde)

Edgar Allan Poe — Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall (1835)

Als eine Art Scherzartikel wurde „Hans Pfaall“ im Juni 1835 im Southern Literary Messenger veröffentlicht. Edgar Allan Poe, ein Meister der Kurzgeschichte, wollte mit einer möglichst detailreichen Handlung leutselige und leichtgläubige Leser hinters Mond-Licht führen. Nicht rein zufällig beginnt die Ballonfahrt am 1. April. Hans Pfaall, ein Blasebalgflicker aus der Rotterdamer Sauerkrautgasse, hat immense Schulden, sein Geschäftsmodell hat sich erübrigt und auch seine Frau liebt ihn nicht. Hans denkt zuerst an Selbstmord (sehr vernünftig!), fasst dann aber einen anderen Entschluss:

„Ich beschloss, zu verschwinden, doch am Leben zu bleiben – die Welt zu verlassen, aber nicht das Dasein – kurz, um nicht in Rätseln zu sprechen, ich beschloss, komme was wolle, wenn möglich einen Weg zum Mond zu erzwingen.“

Mit einem selbstgebauten Ballon und reichlich Schießpulver düst er zur Himmelsscheibe. Bald blutet er aus Ohren, Nase und Augen, eine mitgeführte Katze jungt, der Blitz schlägt ein – doch Hans bleibt eisern und wirft weiter Ballast ab. Neunzehn Tage fliegt er gen Himmel, wie sein Tagebuch verrät, „als ich auch schon kopfüber mitten in eine phantastische Stadt und mitten in einen riesigen Haufen hässlicher kleiner Leute hinabstürzte“. Doch nun, wo es interessant wird, bricht der Autor ab. Hans Pfaall möchte für seine sensationellen Kenntnisse eine Belohnung haben, denn er braucht Geld. Die Entscheidung liegt nun bei Mynheer van Underduk und Professor Rubadub, dem Präsidenten bzw. Vizepräsidenten der Staatshochschule für Astronomie in Rotterdam… Jules Verne kannte die Lügengeschichte und hat sie später in Frankreich neu herausgegeben.

Mondzivilisation: hässlich kleine Leute
Transportmittel: Ballon

Georges Méliès: Die Reise zum Mond (1902)

Der Erfinder der Stop-Motion-Technik machte auch den ersten Science-Fiction-Film. Die Handlung ist ein Mashup der Mond-Romane von Verne und Wells. Auf einem Sterndeuter-Kongress kommt der Vorschlag auf, den Mond zu besuchen. Aus Astrologen werden Astronauten.

Jerzy Żuławski — Mondtrilogie (1902-1911)

Czezs & witam! Polnische Science-Fiction hat dank Stanislaw Lem („Der futurologische Kongress“) einen festen Platz in der Weltliteratur. Als Vater der polnischen Sci-Fi könnte man jedoch Michał Dymitr Krajewski bezeichnen, denn er schilderte schon 1785 eine Ballonfahrt zum Mond. Daran konnte sein Landsmann Jerzy Żuławski rund 115 Jahre später anknüpfen. Zwischen 1902 und 1911 veröffentlichte Żuławski eine auf drei Teile angelegte Mondsaga. Im ersten Teil wird ein „fahrendes Zimmer“ mit vier Männern und einer Frau sowie einer schwangeren Hündin auf den lebensfeindlichen Trabanten geschossen. Die ersten Monate ist das Mondgefährt das einzige Zuhause der Gefährten. Das erste menschengemachte Bauwerk auf dem Mond wird leider ein Steingrab. Luna hat hier übrigens die Form eines Hühnereis, die Erdbewohner bekommen stets nur das dicke Ende zu sehen. Am spitzen Ende – also auf der dunklen Seite – gibt es dafür Wasser und eine dünne Atmosphäre. Es heißt, Fritz Lang soll sich für „Frau im Mond“ von der Mondtrilogie inspiriert haben lassen. Ein Indiz hierfür wären die Hängematten der Astronauten, die in beiden Geschichten vorkommen.

Jerzys Großneffe Andrzej Żuławski (erster Ehemann von Sophie Marceau!) wollte die Trilogie in den Siebzigern verfilmen und bekam dafür ein nie vorher dagewesenes Budget bewilligt. Da er aber daraus eine Gesellschaftskritik am kommunistischen Staat bastelte, strich ihm Genosse Staat kurzerhand die Mittel und verfügte die Zerstörung aller Requisiten. Darum ist „Der Silberne Planet“ ein Fragment geblieben.

Transportmittel: Kanonengeschoss
Mondzivilisation: Mondmenschen

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