Moderne Reisen zum Mond (4)

Plakat (links) und Notenheft von der Uraufführung 1899.

Paul Lincke — Frau Luna (1899/1922):

„Frau Luna“ ist eine Operette von Paul Lincke aus dem Jahr 1899. Paul Lincke kennt man heute nur noch durch das Paul-Lincke-Ufer. Das war seinerzeit anders. Linckes Melodien waren mal so beliebt, dass sogar schwarze Jazzmusiker wie Max Roach und Hank Mobley sein „Glühwürmchen-Idyll“ aufnahmen. Doch zurück zur Operette. Da ich „Frau Luna“ nie gesehen habe, kann ich nur das wiedergeben, was in der Wikipedia steht:

„Fritz Steppke ist Mechaniker und wohnt zur Untermiete bei der Witwe Pusebach in Berlin. Er ist verlobt mit der Pusebach-Nichte Marie und sehr interessiert an der Fliegerei und an Außerirdischem. Er bastelt einen Ballon für die Mondfahrt. Mit von der Mondpartie sind auch die besten Freunde Lämmermeister und Pannecke. Da Steppke sich vorher schlafen legt, wird im Original offengelassen, ob die Reise real oder nur im Traum geschieht.“

Die Berliner Operette war so erfolgreich, dass sie auch noch zwanzig Jahre später aufgeführt wurde, wobei sie ihr Komponist immer wieder überarbeitet und erweitert hat. Zum Beispiel fügte Lincke 1922 seinen Großstadtmarsch „Das macht die Berliner Luft-Luft-Luft“ hinzu. Ob der Berliner Luna-Park (1909-1933) nach der Operette benannt wurde, weiß ich nicht zu sagen.

Transportmittel: Ballon
Mondzivilisation: Frau Luna, Prinz Sternschnuppe und die Götter der Gestirne

Thea von Harbou (Drehbuch) & Fritz Lang (Regie) — Frau im Mond (1929):

Stummfilme verlangen dem Zuschauer einiges ab. Keine Dialoge, keine Farben, und wenn man Pech hat, geht der Film drei Stunden und die Musik nervt. „Frau im Mond“ ist einer der letzten deutschen Stummfilme. Darin wird der Countdown erfunden. Der Film dauert etwas länger, nämlich zweieinhalb Stunden. Nach genau einer Stunde sieht man die erste Rakete, „die unbemannte, mit automatischen Aufnahme-Apparaten versehene Registrier-Rakete H.32“, wie der Zwischentitel verrät. Der „mit einem Uhrwerk gekoppelte Aufnahme-Apparat“ lieferte Fotos von der Mondoberfläche. Auf dem Satelliten soll es riesige Goldvorkommen geben. Laut der Theorie von Prof. Andreas Hansen (Sternwarte Seeberg bei Gotha) gibt es auf der Rückseite des Mondes sogar eine Atmosphäre. Also nichts wie hin! Nach zwei Stunden landet die Crew auf dem Mond, der wirklich eine Atmosphäre hat und wohl auch Goldvorkommen, aber keine Frauen. Noch fünf Minuten bis Buffalo!

Transportmittel: Rakete

Titelumschlag von 1934.

Rabbi Martin Salomonski — Zwei im andern Land (1933)

Im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung veröffentlichte die Jüdisch-liberale Zeitung vom Juni bis Dezember eine groteske Fortsetzungsgeschichte. Autor der lunar-zionistischen Utopie, in der eine junge Frau die Hauptrolle übernimmt, war ausgerechnet ein Berliner Rabbiner. Die Handlung ist in die Zukunft verlegt und spielt in der fiktiven Großstadt Maimi (sic!), im Berlin von 1953 sowie auf der dunklen Seite des Mondes. Während in Maimi mit Doublonen bezahlt wird, gilt in Berlin immer noch die Reichsmark, aber dafür rasen unterirdische „Blitzzüge“ im Minutentakt vom Alex zum Bahnhof Zoo. Der mittellose Texter Victor Arago hat einen Apparat konstruiert, der vergessen geglaubte Erinnerungen via Induktor-Brille abrufen und auf eine Leinwand projizieren kann. Victor möchte sein Patent dem Großkapital verkaufen, aber die junge und entschlossene Micaela will das verhindern. Richtig, die beiden werden ein Liebespaar. Während der Mondfinsternis vom 26. Juli 1953 wird das Pärchen überraschend auf den Erdtrabanten gebeamt (kein Zweifel, da hatte jemand Keplers Mondgeschichte „Somnium“ gelesen). Der Mond besitzt nicht nur Atmosphäre, sondern beherbergt obendrein eine jahrtausendealte jüdische Zivilisation. Nach ihrer Rückkehr zur Erde reift in Micaela ein Plan heran, der die irdische „Judenfrage“ für alle Zeiten lösen soll. Interplanetare Diaspora – Luna statt Palästina! Oder wie Hannah Arendt später sagte: „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher.“

Transportmittel: Gottes Hand
Mondzivilisation: lunare Diaspora


Konstantin Ziolkowski — Kosmische Reise (1935)

Die Sowjetmenschen waren nicht nur als erste Menschen im All, sondern auch auf dem Mond. Wie jüngst wiederaufgetauchte Filmaufnahmen zeigen, landete bereits 1946 das Raumschiff „Josef Stalin“ auf unserem Erdtrabanten. Die Aufnahmen stammen allerdings aus den Mosfilm-Studios und gehören zum letzten sowjetischen Stummfilm „Космический рейс“. Das propagandistisch bestens geschulte Filmteam schickte gleich eine ganze Familie ins All, denn neben dem obligatorischen graumelierten Wissenschaftler sitzen eine stets lächelnde Pilotin (Lady Gagarin?) und ein junger Pionier in der Rakete.

Eine alte Filmregel besagt, was man an Dramatik spart, muss man an Effekten drauflegen, und die sind wirklich gut. Über eine gigantische Rampe aus Stahl, die an Tatlins Turm erinnert, werden die Raketen ins All geschossen. Im Orbit sind die Astronauten(!) plötzlich schwerelos und schweben amüsiert durch das Raumschiff. Auf dem Mond können sie wegen der geringeren Schwerkraft riesige Sprünge vollführen.

Im Gegensatz zu Fritz Langs letztem Stummfilm „Frau im Mond“ setzte man eher auf „science“ und weniger auf „fiction“. Am Drehbuch war sogar der Vater der russischen Raumfahrt, Konstantin Ziolkowski, beteiligt; man kennt ihn aus dem Digedag-Mosaik vom August 1960: „Ziolkowski weist den Weg“. Leider verstarb Ziolkowski vor der Filmpremiere im Januar 1936. Trotz seiner für damalige Verhältnisse phänomenalen Tricktechnik verschwand der Streifen auf Geheiß von oben recht bald im Archiv und blieb international quasi unbekannt.

Transportmittel: Rakete


Hergé — Reiseziel Mond (1953) und Schritte auf dem Mond (1954):

Frankobelgischer Comic für Raumfahrtverrückte. „Zum ersten Mal macht ein Mensch von der Erde Schritte auf dem Mond!“ Schon 15 Jahre vor der Apollo-11-Mission nahm der Comiczeichner Hergé in seinem Tim-und-Struppi-Comic „Schritte auf dem Mond“ die Worte Neil Armstrongs visionär vorweg. Die vielleicht erste realistische Mondstory.

Transportmittel: Rakete im Layout einer V2

Größenvergleich (Wikipedia – gemeinfrei)

T. C. Boyle — Die Neumond-Partei (1993):

In der Short Story geht es um den ehemaligen Gouverneur von Iowa, einen abgehalfterten US-Politiker, der sich am Ende seiner Karriere auf das Präsidentenamt bewirbt. Als blasser Kandidat hat er allerdings kaum Chancen für eine Nominierung. Dann kommt er auf die wahnwitzige Idee, einen zweiten und besseren Mond zu versprechen. Seine Wahlkampagne verschweigt notwendige Steuererhöhungen ebenso wie komplexe Zusammenhänge und konzentriert sich allein auf das Neu-Mond-Projekt. Damit gewinnt unser Kandidat George L. Thorkelsson dann prompt die Wahl. Die Wähler sind eh politikverdrossen und die Konzerne wittern Mondluft. Man denke nur an die unzähligen Jobs, die neu entstehen werden, die Materialien, die verbraucht werden, die Technologien, die erdacht werden müssen! Präsident Thorkelsson beruft sogar eine Astrologin ins Kabinett, denn die hat Ahnung von Sonne, Mond und Sternen… Der Neu-Mond wird sogar fertig, aber die Sache geht gut aus, also schief. Thorkelsson wird aus dem Amt gejagt und muss für den Rest seines Lebens abtauchen. Sein Nachfolger nennt ihn nur noch den „Vorgänger“.

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