Adolf Loos: Tattoos und Verbrechen (1908)

Plakat des Loos’schen Vortrags


„Der papua tätowiert seine haut, sein boot, seine ruder, kurz alles, was ihm erreichbar ist. Er ist kein verbrecher. Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. Es gibt gefängnisse, in denen achtzig prozent der häftlinge tätowierungen aufweisen. Die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten. Wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben.“

Scheerbart, Münchhausen und die Architektur der Zukunft

Der Schriftsteller und Visionär Paul Scheerbart (1863-1915) äußerte sich vielfach zur Architektur der Gegenwart und der Zukunft. So widmete er beispielsweise seinem Brieffreund Bruno Taut den Essay „Glasarchitektur“ (1914), woraufhin dieser sich mit seinem bekannten Glaspavillon revanchierte. Auch in Scheerbarts Berliner Roman „Münchhausen und Clarissa“ spielt Architektur eine Hauptrolle. Der Lügenbaron Münchhausen – dessen 300. Geburtstag wir dieses Jahr begehen – berichtet darin von einer angeblichen Weltausstellung im fernen Australien und beschreibt visionäre Konzepte wie eine „bewegliche Architektur“, eine „Lichtarchitektur“, eine verhüllende „Gerüstarchitektur“ und so weiter und so fort. Herausgreifenswert fand ich das folgende Zitat:

»Sie glauben garnicht, Herr Baron, welche Stellung die Berliner Architekten heutzutage innehaben; früher konnte doch der Bauherr noch etwas mitreden – so was aber gibt es heute garnicht mehr. Wir haben nur das Recht und die Pflicht, alles zu bezahlen; der Architekt befiehlt nur – und der Bauherr hat zu gehorchen. Wir haben uns nicht einen einzigen Stuhl ohne Erlaubnis des Architekten anschaffen dürfen. Es fehlt nur noch, daß er uns auch die Kleider kauft. Es ist himmelschreiend. Wir leben in einer Tyrannenepoche – und die Architekten sind heute die größten Tyrannen.«

— Paul Scheerbart: Münchhausen und Clarissa. Ein Berliner Roman. Berlin 1906.

Balkon oder Balkan?

Weltalf_Balkon
»Manchmal sieht man Berlinerinnen auf ihren Balkons sitzen. Die sind an die steinernen Schachteln geklebt, die sie hier Häuser nennen, und da sitzen die Berlinerinnen und haben Pause. Sie sind gerade zwischen zwei Telefongesprächen oder warten auf eine Verabredung oder haben sich – was selten vorkommt – mit irgend etwas verfrüht – da sitzen sie und warten. Und schießen dann plötzlich, wie der Pfeil von der Sehne – zum Telefon – zur nächsten Verabredung.«

– Kurt Tucholsky: Berlin! Berlin!