Alexander Roda Roda: Jagd im Ried (1932)

Nevéry, den sein Rabenvater vor dreiundzwanzig Jahren hatte auf ‚Moriz‘ taufen lassen – Nevéry riss die Tür auf und schrie: „Hast du eine Flinte? Guten Tag!“

Ich zerrte Nevéry vollends ins geheizte Zimmer, schloss die Tür hinter ihm und sagte in mildem Erzieherernst: „Moriz! Man macht das nicht wie du. Man klopft an und wartet. Man tritt ein und schließt. Dann sagt man: Guten Tag! Hast du eine Flinte?“

Moriz aber hörte nicht auf mich, beutelte sich den Schnee vom Mantel und verlangte einen Kognak.

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Alexander Roda Roda: Melodie (1932)

In acht Tönen – wie sie auch heißen mögen, immer nur acht – ist die Musik eingefangen, aller Klang enthalten, der das Herz rühren kann, befeuern und entmutigen.

Durch Kombination dieser Töne, nur dieser – indem man sie gelegentlich dehnt oder verkürzt, entstehen:
das Gralsmotiv,
Ich küsse Ihre Hand, Madame,
Giovinezza,
die Internationale,
Deutschland, Deutschland über alles –
Hymnen und Gassenhauer, Attackesignale und Liebesseufzer, Walzer und Gebete.

Man kann die Töne zu Akkorden binden, durch Pausen trennen.

Immerhin sind es nur acht – aus acht Steinchen baut sich das ungeheure Gebäude auf einer Kunst – einer blühenden Industrie, die Millionen Hände beschäftigt und ernährt.

Acht Töne – die Zahl der Kombinationen daraus muß beschränkt sein.

Die niedere Mathematik nennt die Zahl: acht zur achten Potenz, das sind nicht einmal 17 Millionen Möglichkeiten.

Überdies kommen viele der 16 oder 17 Millionen mathematisch konstruierbaren Varianten für die Praxis gar nicht in Betracht: weil sie ohrenzerreißend mißtönig oder albern klingen, banal und derb.

Ich glaube also, daß die Reihe der angenehmen oder auch nur erträglichen Kombinationen bald erschöpft sein wird. 17 Millionen, so viel Operetten, Verlage, Volkslieder und Tänze gibt es längst.

Ja, ich fühle das Ende der Musik schon nahen. Wir alle werden es noch miterleben. Ich gebe dem ganzen Betrieb nur noch zwei, drei Jahre Zeit.

Man suche mich nicht durch das Beispiel der Literatur zu widerlegen; die Literatur verfügt immerhin über 25 Elemente, die Buchstaben A bis Z, und das in zahllosen Sprachen: 25 zur 25sten Potenz gibt einen astronomischen Wert.

Der Untergang der Musik läßt sich beschleunigen. Ich erbiete mich, eine Maschine zu entwerfen – und jeder mittelmäßig begabte Ingenieur wird sie nach meinen Angaben verwirklichen können: eine Maschine, die leicht und rasch sämtliche aus acht Tönen überhaupt noch ausstehenden Motive komponiert und auf Pappestreifen stanzt; das gewöhnliche elektrische Klavier kann die Motive abspielen.

Hierauf wird das Musizieren als erfüllt aufzugeben sein.

Alexander Roda Roda: Die Anstalt (1932)

Man hatte mich eingeladen, die Irrenanstalt in Troppau zu besichtigen. Es ist das eine der größten in der Tschechischen Republik.

Nun, meiner Treu, ich bin nicht hochmütig und am allerwenigsten klebe ich am Zeremoniell – wenn aber der Direktor einer staatlichen Irrenanstalt mich eigens zu sich lädt, feierlich sozusagen: dann, meine ich, sollt er mich nicht in einem dreckigen Hospitalkittel am Tor empfangen. Das ist ein Etikettefehler, der den Blick des Gastes irgendwie trübt – man schließt auf Misswirtschaft, Unsauberkeit des Ganzen.

Er geleitete mich durch alle Abteilungen, erklärte mir seine Methoden, machte mich aufmerksam auf Neuerungen – und ich muss gestehen: ich fand, die Anstalt kann sich sehen lassen.

Im dritten Pavillon näherte sich uns ein älterer, gut angezogener Herr und sah uns ziemlich erstaunt entgegen. Mein Begleiter wisperte mir zu:

„Beachten Sie ihn nicht! Ein Größenwahnsinniger; bildet sich ein, er ist der Direktor. Und nur, um den armen Narren nicht aufzuregen, lasse ich mich von den Ärzten hier seit Jahren als heilbedürftigen Insassen behandeln.“

Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster

Gymnasium zum Grauen Kloster Berlin

Foto: Wilhelm Kick (Hrsg.): Moderne Neubauten, 4. Jahrgang, Stuttgarter Architektur-Verlag Kick, Stuttgart 1902 (gemeinfrei)

„Mit geöffneten Augen träumte ich mich beim Überschreiten der Grenze Frankreichs in die alte Schülerzeit hinein. Da stand sie lebendig vor mir und als ihr würdigster Vertreter mein alter Lehrer, Professor Ferdinand Lamprecht, der Prorektor des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster. Durch ihn wussten wir in Paris ziemlich Bescheid, und im Sprachunterricht hat er auch dem Bockbeinigsten mit nie versiegender Geduld ein Etwas, sogenanntes „aliquid“ beigebracht. Wenn ich im Kriege einen Klosteraner traf, erster Gesprächsstoff, der zueinander und näher brachte, war Lamprecht mit seinen französischen Blättern, die er dem Zeitungsordner der alten Berliner Konditorei Gumpert für uns ausspannte – Lamprecht mit der Revue des deux Mondes und dem Wörterbuch der Akademie, dessen dunkle Sprüche für ihn den Wert einer Reichsgerichtsentscheidung besaßen. Wo auch immer auf meines Lebens verschlungenen Bahnen ich mit Klosteranern zusammenkam – die Brücke der Verständigung blieb Lamprecht.“

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Rabbi Martin Salomonski: Ein Jahr an der Somme (1917), S. 22-23.

Die große Schublade

Meine Inanspruchnahme erweiterte sich und mein Dienstzimmer wurde Gasthaus, Speisewirtschaft, Zigarren= und Bankgeschäft, Buchhandlung, photographische Kunstanstalt, Schalter für Handgepäck, Auskunftei, Beschwerdestelle und beinahe Schneiderwerkstatt.

Da kam ein Pommer zu mir herein und hielt einen großen Vortrag über seine Hose. Der Mann ließ sich nicht unterbrechen. Als er endlich fertig war und ich ihm riet, er solle zum Schneider gehen, da meinte er treuherzig: Nun bin ich hier vorbeigekommen und da hab ich gemeint, das wird er auch verstehn!

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